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11.369 Tage von meiner Geburt bis zur Geburt meines ersten Kindes. Danke Google erstmal für das schnelle Suchergebnis dieser besonderen Zahl!
Warum ich mich dazu entschieden habe, genau diesen Abschnitt meines Lebens in Zahlen zu formulieren? Weil er der einschneidendste Moment war! Plötzlich Mama, das war so ein heftiges Gefühl. All die Monate der Schwangerschaft, der Vorbereitungen, der Vorstellungen waren auf einmal verschmolzen, zu einer einzigartigen Erinnerung. Die Kugelzeit war vorbei. Von nun an war ich nicht mehr ich, wie ich mich kannte, wie mein Partner mich kannte, meine Familie, Freunde und Arbeitskollegen. Von nun an war ich Mutter, die mit Anhang, die Mama von… Ich liebe jede einzelne Erinnerung an die ersten Monate als Mama. Die Wäscheberge, das Chaos im Haushalt, die Stillschmerzen, die ersten Autofahrten und die ersten Spaziergänge, meine gesangliche Entwicklung von Kinderliedern, die zahlreichen Geschenke und Willkommensbesuche. Es hat sich angefühlt wie ein Traum, eine heile Welt, komplett abgeschieden von der “normalen” Welt da draußen. Schlechte Nachrichten gab es einfach nicht. In unser Leben war so viel Liebe eingezogen, es war schlichtweg kein Platz für irgendetwas Schlechtes. Es war nicht, wie ich es mir vorgestellt habe! Es war einfach besser!
Diese unfassbare Reise begann vor 12 Jahren. Vor mehr als einem Jahrzehnt hielt ich meinen ersten positiven Schwangerschaftstest in der Hand. Dieser Moment war magisch, egal wie kitschig das klingt. So war es einfach. Von einem auf den nächsten Moment habe ich mich besonders gefühlt, voller Liebe und Stolz, Aufregung und Träumerei, und das Beste war, es war noch absolut geheim. Nur ich wusste, dass sich alles ändern würde. Nur ich wusste, dass ein kleines Herz in mir schlug. Nur ich wusste um mein kleines Wunder in meinem Körper. Und das war atemberaubend.
Wie die erste Geburt, dieser Moment, wenn man sein Kind endlich in den Armen hält und voller Liebe anschaut, dieser Moment ist ganz sicher auch atemberaubend. Und magisch. So steht es in all den Ratgebern geschrieben, so wird es von vielen Müttern erzählt. Ich habe mich am meisten auf diesen unvergesslichen Moment gefreut. Dutzende Male bin ich dieses Szenario in meinem Kopf durchgegangen. In meinen Gedanken habe ich mir ausgemalt, wie es sich anfühlen wird, wenn ich mein Baby nach langem Warten endlich halten darf, die Wärme dieses kleinen zarten Körpers spüren darf, als Erste.... Meine Vorfreude und Spannung auf diesen Moment wuchsen mit jeder Schwangerschaftswoche. Nicht ein Bruchteil einer Sekunde wäre mir in den Sinn gekommen, dass alles anders kommen würde. Und doch kam es genauso, alles anders.
Auch heute gibt es noch Momente, in denen mich eine Art Trauer deswegen überkommt. Trauer darüber, diesen einen Moment verpasst zu haben. Es hat viele Tränen gebraucht, bis ich das so akzeptieren konnte. Die ersten Wochen, gar Monate waren eine Zerreißprobe, mein Schicksal anzunehmen. Der Rückblick, den ich mir hin und wieder erlaube, spielt immer wieder dieselben Szenen ab: eine Woche nach dem errechneten Termin bin ich zur Einleitung im Krankenhaus. Man sagt mir, wir warten alles entspannt ab und ich kann entscheiden, wann wir mit der zweiten Einleitung beginnen würden. Erfahrungsgemäß könnte es einige Tage dauern bis sich mein Baby auf den Weg machen würde. Ich habe mich mental also auf einen längeren Aufenthalt im Krankenhaus eingestellt. Das sah mein Baby aber etwas anders und machte sich schon wenige Stunden nach der ersten Einleitung auf den Weg. Die Aufregung und Vorfreude waren kaum auszuhalten. Bald würde ich diesen magischen Moment spüren. Wow, allein der Gedanke daran war schon eine Party, wie würde es sich nur in Echt anfühlen?! Es lief also alles nach Plan, wie die Natur ihn vorgesehen hat, mein Baby und ich brauchten lediglich einen kleinen "Anstupser" von außen. Ich rieche noch immer den Lavendel vom Lavendelbad zur Schmerzlinderung, für eine PDA war es "zu spät". Mein Mann und die Hebamme saßen zu beiden Seiten und ich erinnere mich noch genau an dieses Gefühl, ein Gefühl der Ohnmacht und Hilflosigkeit vor jeder einzelnen Wehe. Und an die Erleichterung , wenn die Wehe überstanden war... Alles schien normal. Und plötzlich war da diese Hektik, so viele Menschen im Kreißsaal. Ich fange nur Wortfetzen auf, verstehe nicht, was passiert ist. Wann ist es passiert? Nichts ist mehr magisch. Rein gar nichts. Es ist nur furchtbar. Ich verstehe, dass die Herztöne von meinem Baby nicht in Ordnung sind und auf einmal bin ich nicht mehr im warmen und persönlichen Kreißsaal, wo viele meiner Sachen rumliegen. Plötzlich ist alles kalt und steril, alles was ich spüre ist Angst! Ich kann mich nicht erinnern, jemals in meinem Leben so eine Angst gespürt zu haben. Ich sehe, wie Menschen mit mir sprechen, aber ich höre sie nicht, sie stellen mir Fragen, aber ich antworte nicht. Alles was ich wahrnehme ist mein zitternder Körper, zappelnd wie ein Fisch im Netz. Zappelnd im Kampf um das Leben. Das Köpfchen ist draußen und dann wieder nicht. Alles ist laut und leise, kalt und eisig. Mich überkommt Panik. Angst. Ich bin kurz davor, komplett durchzudrehen. Warum bin ich alleine? Ich kann mich nicht bewegen und nicht atmen und plötzlich ist alles still.
-Es ist ein Mädchen-
Die Worte der Krankenschwester, es fühlte sich an, als wenn ich wieder von einer Ohnmacht überrollt werden würde. Vielleicht waren es auch die der Hebamme…. Sie gratulierte mir zur Geburt meiner gesunden Tochter, es gehe ihr gut. Dieser Schmerz, niemals werde ich diesen Schmerz vergessen. Denn ich habe verpasst, was ich nur einmal erleben konnte, was mir niemand jemals wieder geben konnte.
Der Moment, auf den ich mich so gefreut habe, seitdem ich den positiven Schwangerschaftstest in meinen Händen hielt. Von diesem Moment an hat sich ein Gefühl in mir ausgebreitet, was ich nicht mehr losgeworden bin. Ich habe versagt! Das Köpfchen war doch schon da, die Ärztin im Kreißsaal. Wir waren so nah am Ziel und sind doch knallhart dran vorbei geschrammt. Wo genau lag der Fehler? Was habe ich bloß falsch gemacht?
Nichts. Ich habe nichts falsch gemacht. Aber es liegen Jahre zwischen dem Moment der Geburt und dem Moment, wo ich diese Zeilen tippe. Mittlerweile habe ich es verstanden, akzeptiert und angenommen. Ja, diese Momente nach der Geburt sind unwiederbringlich. Doch es hätte auch ganz anders kommen können. Und dann hätte 11.369 eine ganz andere Bedeutung gehabt! Ja, ich war nicht die Erste, die mein Mädchen gehalten und geküsst hat, ihren einzigartigen Duft eingeatmet hat, während die Welt einfach magisch still stand. Doch ich bin da, seit fast 12 Jahren immer da. Und mein Schatz an Erinnerungen wird mit jedem Tag voller und bunter, unzählige Umarmungen, Tränen vor Glück aber auch vor traurigen Momenten. Und ich bin stolz und dankbar.